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15.11.2015 Kategorie: Infos Sozialstation

Wie sich die Sozialstation für die die nächsten Jahrzehnte rüstet (Ein Interview mit dem Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Jauch)

Ein Blick in die Statistik zeigt es: Baden-Württemberg altert. Und dieser Alterungsprozess geschieht in den nächsten Jahrzehnten deutlich rascher als in den vergangenen 50 Jahren. Die Gruppe der Hochbetagten, derjenigen über 80 also, wächst stärker als die der anderen Altersgruppen. Laut einer Studie der Bertelsmann Stiftung wächst die Zahl der jüngeren Rentner von 2009 bis 2030 um 30 Prozent, der Zuwachs bei den über 80-Jährigen zwischen Konstanz und Mannheim liegt für denselben Zeitraum bei 65 Prozent. Und das Statistische Landesamt Baden-Württemberg prognostiziert, dass dieser Alterungsprozess auch nach 2030 anhalten wird. Um 2050 wird jeder dritte Baden-Württemberger über 65 Jahre alt sein.

Wolfgang Jauch (rechts) im Gespräch mit Jörg Büsche.

Herr Jauch, Sie sind Vorstandsvorsitzender der Sozialstation Bodensee e. V., einer auf vier Standorte verteilten Einrichtung zur ambulanten Alten- und Krankenpflege mit rund 350 Mitarbeitern. In wie weit hat diese Entwicklung Auswirkungen auf ihre künftige Arbeit?

Wolfgang Jauch: In der Tat besteht ein Zusammenhang zwischen dem Lebensalter und der Versorgung pflegebedürftiger Menschen. 82 Prozent aller Pflegebedürftigen in Deutschland sind 65 Jahre alt und älter. Jeder dritte Pflegebedürftige hat das 85. Lebensjahr bereits überschritten. Im Alter über 90 Jahre ist die Hälfte der Bevölkerung in Deutschland pflegebedürftig. Demzufolge wird diese Entwicklung unsere Arbeit in den nächsten Jahren prägen.

Mit welchen Folgen rechnen Sie?

Wolfgang Jauch: Die Rahmenbedingungen liegen klar auf der Hand. Die Bertelsmann Stiftung sagt uns auch bundesweit bis ins Jahr 2030 einen Anstieg der Pflegebedürftigen auf etwa drei Millionen voraus. Brechen wir diese Zahlen auf die Gegebenheiten in unserer Sozialstation herunter, benötigen wir bis zum Jahr 2030 etwa 50 zusätzliche Mitarbeiter in der Pflege. Aber das ist nur ein Aspekt des Problems. Schwerwiegender ist, dass durch den Altersdurchschnitt unserer jetzigen Belegschaft im Jahr 2030 etwa 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter das Rentenalter erreicht haben werden und uns somit nicht mehr zur Verfügung stehen. Hieraus resultiert bis zum Jahr 2030 ein Personalbedarf von insgesamt 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Eine gewaltige Aufgabe, insbesondere vor dem Hintergrund, dass bereits heute nicht alle offenen Stellen in der Pflege besetzt werden können.

Was gedenken Sie, dagegen zu tun?

Wolfgang Jauch: An erster Stelle steht für uns die Ausbildung. Unser Ziel, im Jahr 2016 insgesamt 20 Ausbildungsplätze zu besetzen, haben wir bereits erreicht und sind zuversichtlich, diese Entwicklung erfolgreich fortsetzen zu können. Durch ein passgenaues Ausbildungskonzept bieten wir in Zusammenarbeit mit der Arbeitsagentur insbesondere Neu-, Wieder- und Quereinsteigern eine fundierte Berufsperspektive. Mittel- und langfristig sollten wir verstärkt Menschen mit Migrationshintergrund als Pflegekräfte ausbilden. Auch da gibt es schon Projekte mit der Arbeitsagentur. Knackpunkt ist hier jedoch die Sprache. Ohne gute Deutschkenntnisse geht es einfach nicht in der Pflege. Nicht unerwähnt bleiben darf darüber hinaus, dass wir eine umsichtige Gesundheitsvorsorge bei unseren Mitarbeitern betreiben – damit sie uns möglichst lange gesund und zufrieden erhalten bleiben.

Wie sieht es denn überhaupt aus mit der Bereitschaft in der Bevölkerung, einen Beruf in der Altenpflege zu erlernen. Gibt es da genügend Nachwuchs?

Wolfgang Jauch: Ich glaube, dass sich da inzwischen etwas bewegt. Nach Jahren der negativen Schlagzeilen aus diesem Bereich nehmen die positiven Nachrichten wieder zu. Es zeigt sich immer mehr, dass nicht zwangsläufig überall schlecht bezahlt wird in der Pflege. Und dass die Pflege-Branche ein Berufsfeld mit guten Karrierechancen ist. Sicher, wir hinken nach wie vor hinterher gegenüber dem hohen Ansehen, das z.B. der Altenpfleger in der Schweiz genießt, aber wir sind auf dem Weg.

Wie sehen Sie die Situation der Pflegebedürftigen in der Zukunft?

Die demografische Entwicklung stellt uns alle vor gewaltige Aufgaben. Es wird definitiv nicht möglich sein, adäquat auf den stetig wachsenden Pflegebedarf mit immer mehr Mitarbeitern zu reagieren. Deshalb legen wir schon heute unser Augenmerk - neben der Gewinnung von Mitarbeitern - auch auf das Schaffen von Strukturen, die in den kommenden Jahren unerlässlich sein werden. So arbeiten wir beispielsweise darauf hin, möglichst viele Angehörige in den Pflegeprozess mit einzubinden. Wir bieten ihnen konkrete Anleitungen, Schulungen und andere Unterstützungsmaßnahmen. In diesem Zusammenhang ist auch unser Engagement für den gezielten Ausbau ambulanter Versorgungsstrukturen im häuslichen Umfeld zu nennen, wie zum Beispiel Tagesbetreuung und Tagespflege, Quartierskonzepte und andere Modelle zur effizienteren Versorgung pflegebedürftiger Menschen.

Auch sollte mittelfristig der Alltagseinsatz von Fachkräften in der Pflege überdacht werden. Das bedeutet, dass Fachkräfte künftig zielgerichteter, d.h. vor allem dort eingesetzt werden, wo sie wirklich unabdingbar sind, dort wo ihre besondere Qualifikation gefragt ist – ansonsten könnten ihnen verstärkt pflegerische Hilfskräfte zur Seite stehen. Die Fachkräfte wären dann gewissermaßen Kompetenzmultiplikatoren.

 

Herr Jauch, vielen Dank für das Gespräch.
Das Interview führte Jörg Büsche